Mit den Ängsten nicht allein. Feuerwehrseelsorge bietet Hilfe für Angehörige von Einsatzkräften.

  • Paderborn

 

Paderborn(WV). Als der Orkan Kyrill in der Nacht zum 19. Januar 2007 mit zerstörerischer Kraft durch das Paderborner Land tobte, machte Sabine Schmitz kein Auge zu. Sie sorgte sich um ihren Mann Ralf, der als Feuerwehrchef im Einsatz war. »Damals habe ich schon gedacht, wir müssen auch den Angehörigen Hilfe anbieten«, sagt die Fachberaterin Feuerwehrseelsorge.

In der Kyrillnacht, als die Martinshörner gar nicht zur Ruhe kamen, ging Sabine Schmitz, selbst Rettungsassistentin und Oberbrandmeisterin, in die Feuerwache Süd hinüber. »Als mein Mann dort angerufen hat, konnte ich ihn kaum verstehen, weil die Bäume so laut knackten und krachten. Da hatte ich das erste Mal selbst richtig Angst um ihn.« Klar war Sabine Schmitz, dass sie mit dieser Angst ganz sicher nicht alleine war, sondern viele Hundert Angehörige der 212 hauptamtlichen und 380 aktiven ehrenamtlichen Feuerwehrleute ebenso bangen, wenn diese in schweren und gefährlichen Einsätzen sind.

Diese Rückmeldung hat auch Pfarrer Peter Schweiwe, ebenfalls Fachberater Feuerwehrseelorge, erhalten. »Mich haben mehrere Frauen angesprochen und gesagt, dass wir in puncto psychosozialer Unterstützung so viel für die Aktiven tun, und ihnen doch auch mal etwas in dieser Richtung anbieten sollen.« Also haben sich die beiden, die zu einem Team von 34 Notfallseelsorgern gehören, zusammengesetzt und überlegt, wie die Angehörigen einbezogen werden können.

In einem ersten Schritt haben Schmitz und Scheiwe vor etwa anderthalb Jahren die Frauen der Löschzugführer angeschrieben und zu einem Gedankenaustausch eingeladen. »Das war ein ganz intensives Treffen, als wenn jemand einen Korken aus der Flasche gezogen hätte«, erinnert sich der Pastor, der selbst als Hauptfeuerwehrmann im Löschzug Schloß Neuhaus aktiv ist. »Viele haben uns von ihren Sorgen und Ängsten berichtet, die sie durchleiden, wenn sie nichts von ihren Angehörigen hören und nicht wissen, wie es weiter geht.« Schließlich seien die Frauen der Feuerwehrmänner oft eingebunden. »Der Melder wird Teil des Familienlebens, er zieht mit ins Schlafzimmer ein und belastet alle«, weiß Scheiwe. Oft ginge die Anteilnahme der Angehörigen noch weiter. »Viele Frauen fahren zum Beispiel schon mal den Wagen raus, wenn der Mann zum Einsatz muss. Dann sind sie wach, vielleicht auch die Kinder, und bleiben erst einmal im Ungewissen.«

Sabine Schmitz, die als Pflegerische Leiterin der Tagesklinik für Psychiatrie, Systemische Beraterin und Supervisorin selbst über vielfältige Erfahrung verfügt, kennt beide Seiten. »Neben der akuten Sorgen um den Angehörigen, stellen viele sich auch die Frage, wie sie mit ihm umgehen sollen, wenn er zurückkommt. Ganz normal? Kann man seinen Mann oder seine Frau, die gerade Tote noch bergen mussten, bitten, den Müll runterzubringen? Es gibt so viel Ungewissheit für die Familie«, weiß sie.
Deshalb haben die Fachberater die Initiative »Trotz alledem!« ins Leben gerufen, ein Angebot für alle Angehörigen, bei denen der Melder mit zum Alltag gehört. »Den Namen haben wir so gewählt, weil die Familie trotz mancher Sorge in der Regel hinter den Einsatzkräften steht und meistens auch stolz darauf ist, was sie täglich für andere leisten«, sagt Schmitz. Unter der E-Mail-Adresse Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! können sich alle Angehörigen von Einsatzkräften melden, die Gesprächsbedarf haben. »Wir nehmen dann umgehend Kontakt mit ihnen auf.«

Zusätzlich gibt es zweimal im Jahr Treffen, die dem Austausch und der Kontaktpflege dienen. »Für viele ist es allein schon entlastend, zu wissen, dass sie nicht allein in dieser Situation sind, und dass ihre Sorgen gesehen werden«, haben Schmitz und Scheiwe in den Gesprächen erfahren. »Die Unterstützung der Angehörigen dient am Ende allen« sagt Scheiwe. »Denn auch ein Feuerwehrmann ist entspannter, wenn er weiß, dass seine Frau zuhause nicht vor Sorge umkommt.«

Westfälisches Volksblatt von Maike Stahl