Für den Rettungsdienst in Paderborn gibt es immer mehr zu tun. Zahl der Einsätze steigt stetig. Von Unfällen über Herzinfarkte bis Bagatellen-

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Paderborn: In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Einsätze um ein Viertel gestiegen, sagt Michael Beivers, Leiter Rettungsdienst. 31?663 Einsätze waren es im Jahr 2016. Darunter sind Herzinfarkte, Unfälle, Schlaganfälle, Krankentransporte – aber auch eingerissene Zehennägel.

Dr. Felix Brandt ist Anästhesist und Oberarzt am St.-Vincenz-Krankenhaus. Seit zwölf Jahren ist er außerdem als Notarzt tätig und leitet den Notarztstandort. 50 aktive Notärzte stehen in Paderborn bereit, um rund um die Uhr die medizinische Notfallversorgung sicher zu stellen. Im Schnitt absolviert jeder Notarzt im Monat eine 24-stündige Bereitschaft. Überwiegend handelt es sich um Mediziner der Krankenhäuser St.-Vincenz (30 Notärzte) sowie St. Johannisstift und Brüderkrankenhaus.
Die Bereitschaft, den Notdienst zu übernehmen, sei groß, berichtet Brandt. Anders als oftmals in ländlichen Regionen müssten hier keine Notärzte von außerhalb eingekauft werden. »Unser Vorteil ist der kurze Draht zu den Krankenhäusern«, sagt der Mediziner.

In einer 24-Stunden-Schicht werden durchschnittlich zehn Einsätze absolviert. In der Liboriwoche können es aber auch deutlich mehr sein. Weswegen die Ärzte alarmiert werden, sei mitunter kurios oder auch einfach banal. Eine Erbse in der Nase eines fünfjährigen Kindes sei schon ebenso dabei gewesen wie ein blutender Zehennagel, erzählt Brandt. In einem Fall habe eine Studentin mit einer fiebrigen Atemwegserkrankung den Rettungsdienst alarmiert, obwohl sie nur 500 Meter vom Krankenhaus entfernt war. »Das hätte man sicher auch selbst schaffen können«, meint Dr. Brandt. Grundsätzlich gelte aber – vor allem im Hinblick auf Herzinfarkte und Schlaganfälle – immer sofort die »112« zu rufen, um schnelle Hilfe in einer lebensbedrohlichen Situation gewährleisten zu können.

Übrigens werden auch die Einsätze wegen psychischer Schwierigkeiten mehr. »Das merken wir zum Beispiel bei besonderen Ereignissen, die gar nicht mal vor Ort passieren müssen. Als in Paris das Attentat verübt worden ist, erlitt ein britischer Kriegsveteran bei den Fernsehbildern einen Flashback. Er befand sich mitten im Kriegsgeschehen, fühlte sich bedroht und wollte sich aus dem Fenster stürzen«, sagt der 41-jährige Anästhesist.

Schwierigkeiten gebe es zudem in der Kommunikation mit Flüchtlingen, wenn diese den Notruf betätigten. »Wenn die Situation am Telefon nicht eindeutig erkannt werden kann, fährt der Notarzt vorsorglich mit. Das ist eine zusätzliche Herausforderung für uns«, meint Michael Beivers.
Auch die Vereinsamung der Menschen mache sich zunehmend bemerkbar. »Wir treffen ganz oft auf Personen ohne Angehörige. Meistens ist der Krankheitszustand sehr weit fortgeschritten«, bedauert Dr. Brandt.

Und auch diesem Thema muss sich der Rettungsdienst stellen: Es gibt immer mehr hochgewichtige Patienten, die nur im Spezialtransporter gefahren werden können. Der Paderborner Schwerlast-RTW ist ein großer Lastwagen für Patienten bis 350 Kilogramm. Das Fahrzeug sei kreisweit und über die Grenzen hinaus sehr gefragt, berichtet Beivers. Der bislang schwerste Patient brachte etwa 300 Kilo auf die Waage. Daneben gibt es noch einen Intensivtransportwagen, der bei der Verlegung von Intensivpatienten in Spezialkrankenhäusern eingesetzt wird.

Optimierungsbedarf sieht Michael Beivers zum Beispiel bei der Frage der Stationierung der Notärzte. Derzeit befinden sie sich innerhalb ihrer Bereitschaft in ihrem jeweiligen Krankenhaus, während die Rettungswagen von den jeweiligen Wachen Nord (Österreicher Weg), Süd (Breslauer Straße) und Schloß Neuhaus (Rolfshof) aus zum Einsatz fahren. Um das Stadtgebiet effektiver und schneller abdecken zu können, sei es sinnvoller, wenn auch die Notärzte an den jeweiligen Wachen auf ihre Einsätze warten könnten. Dies würde die Ausrückzeiten deutlich verkürzen. Aus Sicht von Dr. Brandt sicher eine gute Lösung. Allerdings müssten die Krankenhäuser, die die Notärzte für ihren Dienst freistellen, dem zustimmen.

Und noch einen Wunsch gibt es: Weil häufig die Rampen an den Krankenhäusern voll stehen, müsste baulich etwas passieren, meint Brandt. Vielleicht werden dies Themen in der Fortschreibung des Rettungsdienstbedarfsplans sein, die sich in Vorbereitung befindet.

Foto: Michael Beivers, Leiter Rettungsdienst, und Dr. Felix Brandt, Ärztlicher Leiter Notarztstandort, stellen fest, dass die Zahl der Einsätze kontinuierlich steigt. Elektronische Geräte wie das ultraportable Ultraschallgerät sind dabei wichtige Helfer. Foto: Jörn Hannemann

Bericht: Westfälisches Volksblatt von Ingo Schmitz